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03.02.2017

Die Würde der letzten Lebensphase

Wenn ein Mensch noch Hoffnung auf Heilung und Genesung hat, dann lässt er in medizinischer Hinsicht so gut wie alles mit sich machen, um dieses Ziel zu erreichen. Wo sich aber das nahende Ende eines Menschenlebens abzeichnet, rückt die Medizin mehr und mehr aus dem Mittelpunkt des Geschehens. Ein Perspektivenwechsel findet statt.

Das ist die Erfahrung von Dr. Alexander Kraus, Chefarzt der Inneren Abteilung an der Geomed-Klinik. Auf seine Initiative entstand im September 2016 ein Palliativbereich mit zwei atmosphärisch vom üblichen Stationsablauf getrennten Zimmern. In seinen Augen bestand eine zwingende Notwendigkeit, die letzte Lebensphase eines Menschen so zu gestalten, wie es seinen persönlichen Ansprüchen und Werten entspricht.

Fast jeder hat spirituelles Bedürfnis

„Was ist mir jetzt noch wichtig?“, lautet die Frage, wenn es ans Sterben geht. „So gut wie jeder hat irgendeine Form eines spirituellen oder geistigen Bedürfnisses und so gut wie jeder hat auch ein familiäres oder psychosoziales Anliegen“, sagt Alexander Kraus. Damit hat er schon die meisten Kräfte aufgezählt, die sich in der Palliativrunde am Geomed bündeln: Pflegepersonal, Ärzte, Geistliche, ein Familientherapeut und Sozialpädagoge ein Ergotherapeut und die Mitarbeiter des Hospizvereins.

Den Anteil des Mediziners an der Palliativbetreuung eines schwerkranken Menschen schätzt der Arzt auf etwa 30 Prozent. Er kann zum Beispiel dafür sorgen, dass der Patient möglichst wenig Schmerzen hat und unbeschwert atmen kann.

Seelsorge tritt in den Mittelpunkt

Die Seelsorge tritt jetzt mehr und mehr in den Mittelpunkt. Und da sind nicht mehr nur Pflege und Arzt gefragt, sondern ein Geistlicher als „Profi“ in diesem Bereich, meint Alexander Kraus. „Warum passiert mir das? Warum jetzt?“, sind Fragen am Lebensende, auf die die Seelsorge oft besser reagieren kann.

An der Geomed-Klinik sind die Priester gefragte Gesprächspartner. Im ländlichen Bereich sei das eben noch anders als in Großstädten, meint Alexander Kraus, der sich über die gute interkonfessionelle Zusammenarbeit in Gerolzhofen freut.

Der Patient wählt sich meist selbst aus, mit wem er für ein Gespräch in Kontakt treten möchte. Achtsame Mitarbeiter der Pflege, Sozialarbeiter, Familientherapeut und Kunst- oder Musiktherapie stehen zur Verfügung.

Ein weiterer Grund für Alexander Kraus, sich um einen Palliativbereich zu kümmern: Zu einem Sterbenden kommen nach seiner Erfahrung nur noch wenige. In der Sterbebegleitung tun sich viele Menschen schwer, anders als bei einem Patienten, der zum Beispiel einen Beinbruch hat. „Wer soll den Betroffenen in dieser Lage auffangen?“, hat sich Kraus gefragt.

Die Familie ist wichtig

Natürlich muss auch die Familie in die Palliativversorgung mit einbezogen werden. Sie ist in den Augen von Alexander Kraus eine Kraftquelle, die zum Sprudeln gebracht werden sollte. „Dazu brauchen wir dem psychosozialen Zusammenhang“, spielt Kraus auf die Rolle des Familientherapeuten an.

Eine entscheidende Frage für den Mediziner ist es, ab welchem Zeitpunkt ein Patient von einer normalen Station in den Palliativbereich überführt werden soll. „Möglichst früh, das verlängert und verbessert das Überleben und hat einen Stellenwert wie ein gutes Medikament“, sagt Dr. Kraus.

Die letzten 24 Stunden eines Menschen würdig zu gestalten, sei für ihn als Arzt eher einfach. Die 24 letzten Monate seien da viel schwieriger. Denn: „Medizinisches Sterben ist ein kontinuierlicher Prozess und selten ein Sekundentod. Und Sterbenszeit ist Lebenszeit. Ein Zeitpunkt, wo das Sterben beginnt, kann nicht festgelegt werden.“ Das hat Alexander Kraus schon damals bei der Eröffnung des Palliativbereichs gesagt.

Palliativbereich ist kein Sterbezimmer

Die Palliativversorgung ist gedacht für schwer kranke Menschen wie Patienten mit Herzschwäche, Leberzirrhose, fortgeschrittener Lungenerkrankung oder mit Krebs, bei denen eine Heilung leider nicht mehr möglich ist. Trotzdem räumt Kraus mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Der Palliativbereich ist bei weitem nicht immer die letzte Lebensstation. „Das sind keine Sterbezimmer. Rund 60 Prozent der Patienten werden beschwerdegelindert wieder in eine optimierte häusliche Versorgung entlassen.“

Schweigepflicht

Um fachübergreifend helfen zu können, gibt es eine Palliativkonferenz am Geomed, die entweder Alexander Kraus oder der katholische Pfarrer Stefan Mai leitet. Alle Mitarbeiter der zwölfköpfigen Runde sind an die Schweigepflicht gebunden. Wie sich also austauschen über einen Patienten? Dazu wird der Patient gefragt, ob in dieser geschlossenen Runde über ihn gesprochen werden darf. Die Schweigepflicht nach außen bleibt erhalten. Mitarbeiter im Palliativbereich, die nicht zum Geomed-Personal gehören, müssen dazu eine Schweigepflichterklärung unterschreiben.

 

Viele Kräfte wirken an der Geomed-Kreisklinik zusammen, wenn es um eine würdige Gestaltung der letzten Lebensphase von Patienten geht. In einer kleinen Serie sollen sie alle mit ihren Aufgaben und Spezialfähigkeiten zu Wort kommen. Der erste Teil der Serie befasst sich mit der Palliativversorgung aus medizinischer Sicht. Es folgen der seelsorgerisch-theologische, der pflegerische, der therapeutische und der Blick des Hospizvereins auf das Thema.


Quelle und Fotos: https://www.mainpost.de/regional/schweinfurt/Familientherapeutinnen-und-Familientherapeuten-Lebensphasen;art769,9492162#paywallanchor
© Main-Post 2017



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